Vergessen ist normal. Wissensinhalte, die nicht regelmäßig verwendet werden treten in den Hintergrund, sie werden vergessen. Gerade im Mathematikunterricht werden viele Inhalte zu einem späteren Zeitpunkt in einem neuen Kontext wieder benötigt. Oft bemerken meine Schüler und ich, dass einmal beherrschte Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht mehr einfach abrufbar sind. Die wöchentlichen Fitnesstest machen den Schülern klar, was sie noch beherrschen und bei welchen Inhalten sie noch einmal nachlernen müssen. Die Test sind (zunächst) unbenotet, steigern aber die Eigenverantwortlichkeit und die Selbstwirksamkeit der Schüler und unterstützen so einen nachhaltigen Mathematikunterricht.
Ein Beispiel:
Jeder Fitnesstest besteht aus zwei Durchgängen, einem ersten Diagnosedurchgang und einige Tage einem zweiten Paralleldurchgang.
Die hier abgebildeten Bilder stammen aus einem Test für die Jahrgangsstufe 7.
Die Aufgaben in beiden Durchgängen sind sehr ähnlich und umfassen möglichst nur eine genau umrissene Fähigkeit, die im Titel der Aufgabe genannt ist. Nach dem
Diagnosedurchgang wissen die Schüler, welche Inhalte sie noch beherrschen und wo ihre Lücken liegen. Im Paralleldurchgang werden sie
dann für ein Lernen belohnt, da sie nun möglicherweise ein vergleichbare Aufgabe lösen können.
Weder der erste Diagnosedurchgang noch der Paralleldurchgang werden benotet, die Schüler markieren nur, welche Inhalte so noch lernen möchten (Diagnosedurchgang) oder
ich bemerke, welche Inhalte sie schon beherrschen (Paralleldurchgang). Die "Note" im Diagnosedurchgang ist lediglich eine Einschätzung des
korrigierenden Banknachbarn, gerade jüngere Schüler wollten oft eine "Note" haben, diese geht aber nicht in meine Benotung mit ein.
Umsetzung im Unterricht:
Die Fitnesstest werden immer an einem festgelegten Wochentag geschrieben, meist einmal pro Woche. Der Diagnosedurchgang wird im Klassensatz
kopiert, ausgeteilt und die Schüler bearbeiten die Aufgaben in Einzelarbeit. Die Bearbeitungszeit für einen Test beträgt
in aller Regel sieben Minuten. Während die Schüler den Test schreiben, schreibe ich die Lösungen an die Rückseite der Tafel.
Nach sieben Minuten ist die Bearbeitungszeit vorbei, die Schüler tauschen ihren Test mit ihrem Banknachbarn. Ich drehe die Tafel um, die
Schüler korrigieren den Test ihres Nachbarn, bei etwaigen Fehlern schreiben die Schüler den Lösungsweg auf. Die Korrektur dauert maximal zwei
Minuten. Danach kreuzt jeder Schüler für sich selbst an, wie sein Lerninteresse für die geprüften Themen ist. Die Schüler packen danach den Test ein, ich sehe die
Bearbeitung des Diagnosedurchgangs nicht.
Eine Woche später wird der Paralleldurchgang geschrieben, wieder ist die Bearbeitungszeit sieben Minuten. Vom Paralleldurchgang sammele ich
alle Exemplare ein und korrigiere eine willkürliche Stichprobe, selten mehr als 10 Test. Die Dauer der Korrektur liegt unter 5 Minuten, oft
korrigiere ich sie noch während der Unterrichtsstunde in einer Gruppenarbeitsphase. Ich benote die Aufgaben nicht, ich attestiere lediglich
den Kenntnisstand. Da die Schüler ein Gesamturteil haben wollen, kreuze ich einen der Smileys am Ende der Arbeit an, diese haben
jedoch keinen Einfluß auf die Note.
In der nächsten Mathematikarbeit gibt es eine Auswahl von Aufgaben aus den letzten fünf Fitnesstest (je nach Jahrgangsstufe genau die gleiche Aufgabenstellung
oder eine Variante). Hier werden die Aufgaben bepunktet und die Bearbeitung fließt in die Note der Klassenarbeit ein, die Gewichtung der
Fitnesstestaufgaben liegt meist bei 20-25 Prozent der Gesamtpunktzahl.
Mögliche Schwierigkeiten:
Es ist wichtig die Schüler und die Eltern über das Konzept genau zu informieren.
Damit die Schüler wissen, was sie können bzw. was sie nicht mehr können, müssen die Aufgaben genau eine Fertigkeit abprüfen. Umfangreiche Textaufgaben oder
Aufgaben, die verschieden Fähigkeiten fordern sind ungeeignet.
Ein wesentliches Merkmal der Fitnesstest ist der Paralleldurchgang bei dem ein Nachlernen belohnt wird. Der Termin für den zweiten Durchgang sollte nicht später
als eine Woche nach dem ersten Diagnosedurchgang sein. Bei jüngeren Schülern ist es sinnvoll die Frist zwischen erstem Durchgang und Paralleldurchgang
noch kürzer zu halten, da diese Schüler leicht vergessen, was sie innerhalb einer Woche lernen wollten.
Ein großes Problem ist, dass die Fitnesstest zwar ein scharfes Diagnoseinstrument sind, sie aber noch keinen Hinweis geben, wie die
Schüler die festgestellten Lücken schließen können. Ich wiederhole im Regelfall den nicht mehr präsenten Stoff nicht in meinem Unterricht.
Da die Schüler aber auch keine Bücher mehr aus den früheren Schuljahren haben, verweise ich hier entweder auf die Lernhilfen aus den
Schulbuchverlagen, die in unserer Schulbücherei entleihbar sind, oder auf die Sammlung elektronischer Lernmaterialien auf der Homepage
der Elisabethenschule.
Gerade zu Beginn mag der Zeitaufwand aus Sicht des Lehrers zu groß sein. Dies betrifft sowohl die Vorbereitungszeit als auch die notwendige
Zeit im Unterricht. Um die Vorbereitungszeit zu verringern, kann mit Kollegen zusammengearbeitet werden oder auf fertige Tests zurückgegriffen werden (ich
werde nach und nach für alle Jahrgangsstufen Tests hier zur Verfügung stellen). Den Zeitaufwand im Unterricht halte ich für gerechtfertigt, da
man früher oder später ohnehin Stoff aus der Vergangenheit wiederholen muss. Die Fitnesstest institutionalisieren
diese Wiederholung.
Meine Erfahrungen:
Ich setze die Fitnesstest seit mehreren Jahren in allen meinen Lerngruppen regelmäßig ein. Die Rückmeldung der Schüler und der Eltern ist
sehr positiv. Mittel- bis langfristig führten die Test dazu, dass viele Schüler mehr Verantwortung für ihre Lernerfolge übernahmen. Die Schüler
beschreiben es oft als positiv, dass Ihnen durch die Fitness-Test sehr klar wird, welche Lücken sie haben.
Mein restlicher Unterricht profitiert einerseits von dieser größeren Verantwortung und andererseits sind elementare Fähigkeiten bei vielen Schülern
besser abrufbar als ohne diese Tests.
Entscheidend für den Erfolg ist einerseits die Einbindung und Aufklärung der Eltern und andererseits die Aufnahme von Fitnesstest-Aufgaben in die
Klassenarbeit.
Der Aufwand für die Erstellung der Test ist überschaubar. Es ist möglich und sinnvoll sich mit Kollegen auszutauschen und arbeitsteilig vorzugehen. Da sich
die Lehrplaninhalte in diesen elementaren Fähigkeiten nicht schnell ändern, ist der langjährige Einsatz eines einmal erstellten Test sehr wahrscheinlich.
Sammlung von Fitnesstest bei mister-mueller.de:
Fitnesstest Klasse 6
Fitnesstest Klasse 7
Fitnesstest Klasse 9
Fitnesstest Klasse 10
Fitnesstest Klasse 12
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